Das Gestaltprinzip Continuity
Auswirkungen auf Usability und Experience Design – und Gründe warum Continuity im Alltag so leicht verloren geht.
Continuity entscheidet mit darüber, ob sich Deine Website mühelos oder anstrengend anfühlt. Und sie kann leider recht einfach auf der Strecke bleiben, wenn eine Website wächst.
Der letzte Relaunch liegt eine Weile zurück. Seitdem sind Inhalte dazugekommen: einige geplant, viele zwischen Tür und Angel, weil eine Messe, ein Jahrestag oder ein anderes Event anstand, das man etwas zu spät auf dem Schirm hatte. Vielleicht wurde auch eine Idee ausgetestet, die sich als gar nicht so unclever erwiesen hat und seitdem in ihrer ganzen, nicht ganz durchdachten Pracht weiterverwendet wird. Been there, done that, AMIRIGHT?!
Alltag frisst Continuity auf: In einem Alltag, in dem schnell entschieden und mal eben online geschoben wird, ist Continuity oft das erste Opfer. Der Alltag ist aber nicht der einzige Grund, warum sich Kontinuitätsfehler in digitale Produkte schleichen. Bevor wir dazu kommen – und dazu, warum das ein Problem ist –, ein kurzer designtheoretischer Schwenk.
Was ist Continuity?
Continuity (deutsch: Kontinuität) ist das Gestaltprinzip der „guten Fortsetzung“: Unser Auge folgt instinktiv der einfachsten, ununterbrochenen Linie. Es gehört zu den Gesetzen der Gestaltpsychologie, die beschreiben, wie unser Gehirn Gesehenes verarbeitet: indem es gruppiert, ergänzt und Muster erkennt.
Das gilt für tatsächliche Linien und damit fürs visuelle Design (denk an ein Layout-Raster oder Farben, Abstände, Typografie, die alle denselben Regeln folgen). Es gibt aber weitere Formen der Continuity, die vor allem die Filmtheorie beschäftigen und auch in interaktiven Medien eine große Rolle spielen können:
- Kontinuität von Information: Gleiche Dinge heißen überall gleich.
- Kontinuität von Aktion: Gleiche Interaktionen verhalten sich überall gleich.
- Kontinuität von Konvention: Seh- und Nutzungsgewohnheiten werden bedient, nicht gebrochen.
Warum Continuity wichtig ist
Eine gute Fortsetzung bedeutet: Unser Gehirn erledigt Aufgaben automatisch. Und alles, was es automatisch erledigt, kostet keine bewusste Aufmerksamkeit (🧠: „Hey! Schau mal, eine Linie. Der folge ich mal.“). Das senkt den Cognitive Load. Cognitive Load beschreibt, wie stark unser Arbeitsgedächtnis beim Verarbeiten von Informationen gefordert ist. Weniger Cognitive Load heißt: mehr Kapazität für das, was zählt – zum Beispiel die Informationen auf Deiner Website.
Konkret heißt das: Wenn Farben, Begriffe und Interaktionen überall gleich funktionieren, müssen Nutzer:innen sie nur einmal lernen. Das macht Deine Website nicht nur angenehmer, sondern auch barriereärmer – gerade für Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Screenreader-Nutzer:innen oder alle, die gerade schlicht müde sind.
Wie schnell Continuity im Alltag flöten gehen kann
Wenn digitale Produkte wachsen und plötzlich Inhalte oder Prozesse abbilden sollen, die nie konzipiert waren, ist eine bewährte Lösung: vorhandene Komponenten so lange kombinieren, bis sie den gewünschten Inhalt einigermaßen abbilden. Kurzfristig hat man erreicht, dass Inhalte online gehen. Mittel- bis langfristig kann sich das auf die verschiedenen Formen von Continuity unterschiedlich negativ auswirken. Drei Beispiele:
Kontinuität im visuellen Design
- Szenario: Der Customer Support stellt fest, dass Kund:innen wichtige Informationen immer wieder übersehen.
- Tür-und-Angel-Lösung: Die betroffenen Texte werden „vorübergehend“ in Signalfarbe hervorgehoben. Und dann vergessen.
- Folgen für die Continuity: Die Bedeutung von Farben wird verwässert. Denn Rot heißt jetzt mal „Fehler“, mal „Wichtig“, mal „Angebot“. Das Auge lernt: Rot bedeutet nichts mehr.
- Was nicht gelöst wurde: Das tatsächliche Problem, nämlich dass Informationen, die Personen benötigen um Aufgaben erfolgreich zu lösen, z. B. nicht zum richtigen Zeitpunkt innerhalb der User Journey zur Verfügung gestellt wurden.
Kontinuität von Informationen
- Szenario: Ein neues Angebot geht online, das Marketing, Vertrieb und Website-Team jeweils ein bisschen anders benennen.
- Tür-und-Angel-Lösung: Jede Seite übernimmt das Wording der Person, die sie gebaut hat. Das Produkt hat viele, mal mehr, mal weniger ähnliche Namen. Der Button heißt mal „Anfragen“, mal „Jetzt starten“.
- Folgen für die Continuity: Die Bedeutung von Begriffen wird verwässert. Nutzer:innen fragen sich, ob „Basis-Paket“ und „Starter-Tarif“ dasselbe sind und ob sich hinter dem „Anfragen“-Button ein Kontakt verbirgt, während „Jetzt starten“ einen Kaufprozess einläutet.
- Was nicht gelöst wurde: Das tatsächliche Problem, nämlich dass Personen gut informiert aus einer Journey herauskommen, an deren Ende sie die für sie beste Option wählen bzw. Aktion durchführen können.
Kontinuität von Konvention
- Szenario: Ein Online-Formular soll live, z. B. eine Umfrage, in der Personen eine Reihe von Fragen beantworten sollen.
- Tür-und-Angel-Lösung: Alle Fragen und Antworten werden mit Checkboxen umgesetzt. In der ersten Abfrage können mehrere Antworten ausgewählt werden, in der nächsten nur eine Antwort.
- Folgen für die Continuity: Die Nutzungsgewohnheit des Design-Patterns, also die Checkbox an sich, wird verwässert. Nutzer:innen ist nicht klar, welche Aktion ausgelöst wird. Mal erlaubt eine Checkbox mehrere Antworten, mal nur eine. Dabei ist die Konvention eindeutig: Checkboxen für Mehrfachauswahl, Radio Buttons für Einzelauswahl. Auch Screenreader kündigen beide unterschiedlich an.
- Was nicht gelöst wurde: Das tatsächliche Problem, nämlich dass Personen konzentriert und ungestört differenzierte Auskunft geben können.
Der Grund für alle Tür-und-Angel-Lösungen ist letztendlich, dass im Alltag schnell und flexibel entschieden werden muss und dass in dem Moment auf das zurückgegriffen wird, was vorhanden und bekannt ist. Dies ist allerdings nur ein Symptom des eigentlichen Problems, nämlich dem Problem eines Designs das nicht mitwachsen kann.
Die Folgen fehlender Continuity
Falls Du Dich aufgrund der Beispiele ertappt fühlst: kein Grund für schlechtes Gewissen. Continuity-Fehler passieren den Besten, selbst Oscar-Gewinner:innen. Eine kurze Suche nach „Anschlussfehler“ liefert stundenlang schadenfrohe Clips, in denen Fans Fehler in Filmen entdeckt haben.
Und genau da liegt die Parallele: Auch im Film schadet ein Continuity-Fehler der Experience. Zuschauende werden aus der Geschichte gerissen, weil sie sich mit dem Fehler beschäftigen statt mit dem, was der Film erzählen will. Auf Deiner Website beschäftigen sich Nutzer:innen dann mit dem Interface statt mit Deinem Inhalt. Und der Flow, die Story, die sie stattdessen erleben sollten: nicht existent.
Spoiler: Die wenigsten Nutzer:innen melden sich bei Euch, fragen nach oder geben Euch eine weitere Chance. Die Folgen sind z. B. eher das Abwandern zu vergleichbaren Angeboten, die einfacher zu bedienen sind. Eine der schlimmsten Folgen ist Vertrauensverlust, weil Nutzer:innen den Eindruck haben, dass unklar bis chaotisch kommuniziert wird oder irgendwas nicht richtig funktioniert. Unterm Strich heißt das: weniger Einnahmen, Spenden, Anmeldungen und alles andere, was Du und Dein Team Euch zum Ziel gesetzt habt.
Wie hält man Continuity, wenn der Alltag ruft?
Nach all der Schwarzmalerei nun noch ein paar konkrete Tipps die helfen können die Kontinuität in Eurem Angebot aufrechtzuerhalten oder sogar zu verbessern:
- Einheitlicher, klarer Text: Die wohl einfachste Lösung, die sehr viel Nutzen bringen kann, ist einheitlicher Text und Kommunikation in digitalen Produkten. Dazu gehören z. B., Produkte immer gleich zu benennen, oder Aktionen (z. B. Text auf Buttons) immer unmissverständlich zu beschreiben.
- Etablierte visuelle Kommunikation: Etablierte Erwartungen bezüglich des visuellen Designs berücksichtigen. Das bedeutet, Farben gezielt und gesellschaftlichen Erwartungen entsprechend einzusetzen (z. B. Rot = Fehler, Grün = Erfolg), oder eine etablierte Icon-Sprache zu nutzen (z. B. drei horizontale Balken untereinander bedeuten Menü) etc.
- Konsistente Interaktionsmuster: Gleiche Aufgaben bekommen gleiche Bedienelemente, z. B. Radio Buttons für Einzel-, Checkboxen für Mehrfachauswahl, und Links, die sich überall gleich verhalten.
Es gibt eine Vielzahl an Beispielen, die ich hier listen könnte. Was allen Beispielen zugrunde liegt, ist, dass sie Systeme bzw. systematisches Vorgehen beschreiben. Die Systeme, einmal als Fundament definiert, können Unternehmen und Organisationen dabei helfen, auch im Alltag ohne Kontinuitätsverlust zu wachsen.
Ein System, das dabei behilflich sein kann, ist ein Design System. Was ein Design System genau ist und für wen es sich lohnt, liest Du in Teil 2: Brauche ich ein Design System? 7 Vorteile für Dein Team.
tl;dr? Knapp zusammengefasst: Kurze Antworten auf Fragen zu Continuity
Was bedeutet Continuity im Design? Continuity ist das Gestaltprinzip der guten Fortsetzung. Es beschreibt, dass wir Elemente, die auf einer Linie oder in einem Muster liegen, als zusammengehörig wahrnehmen und ihnen mit dem Blick folgen.
Warum ist Continuity wichtig für Usability? Konsistente Muster müssen nur einmal gelernt werden. Das senkt den Cognitive Load und lässt Nutzer:innen sich auf Inhalte konzentrieren statt auf die Bedienung.
Was ist ein Continuity-Fehler auf einer Website? Ein Bruch im erwarteten Muster: dieselbe Farbe mit unterschiedlicher Bedeutung, wechselnde Begriffe für dieselbe Sache oder Links, die sich mal so und mal so verhalten.
Weiterführende Quellen
- Gestaltpsychologie – Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Gestaltpsychologie
- Continuity – gestaltprinciples.com: www.gestaltprinciples.com/principles/continuity
- Five types of continuity – Videomaker: www.videomaker.com/article/7468-edit-suite-five-types-of-continuity
- Cognitive Load Theory – Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Cognitive_Load_Theory
Quo vadis, Continuity?
Hast Du den Eindruck, dass sich fehlende Continuity nachteilig auf Dein digitales Produkt auswirkt?